Ein Tag zwischen Brücken, Bier und Roller-Chaos
Motivation
Reisen fangen selten erst am Bahnhof oder im Flugzeug an, meist schon früher, in Gedanken, Bildern oder Gesprächen.
Bei mir war’s die letzte Zürich-Reise, die nach mehr gerufen hat – und die Worte meines Sohnes, der von Luzern schwärmte: Brücken, die Geschichten erzählen, und eine Altstadt, die wie ein Gemälde wirkt.
Also Fotos angesehen, Postkarten. Plötzlich war er da, der Gedanke: los, ein kleines Abenteuer. Wenn die Preise stimmen.
Martin grinste, schaute ins Handy: „Hundert Euro hin und zurück. Die Brücken warten.“
Wir buchten sofort, Zugtickets knapp 20 € pro Person.
Anreise
Treffpunkt Hauptbahnhof, drei Uhr morgens. Ich halb im Schlaf, Martin erstaunlich wach. Um 3:15 Uhr Richtung Flughafen.
EasyJet: eine Stunde Flug. Cappuccino an Bord – erstaunlich trinkbar. Keine Barzahlung, also Martins Karte. „Besser, wenn man alles dabeihat“, meinte er.
Zürich – erster Eindruck
Aussteigen, Halle fast leer. Ein Reinigungsroboter blinkte durchs Bild. „Wenn der auch Cappuccino serviert, bleibe ich hier“, murmelte ich.
Bahnhof Zürich: Glas, Rolltreppen, modern. Cappuccino Nummer zwei, 6,20 Franken, groß und stark. Kurz hängen geblieben, dann weiter.
Luzern – Stadt der Brücken und Geschichten
Schon der Bahnhof selbst war ein Erlebnis: die Halle aus Glas und Beton, entworfen in den Achtzigern, eröffnet 1989, offen zum Platz hin, lichtdurchflutet, fast wie ein modernes Tor, das nicht nur Züge aufnimmt, sondern eine Stadt inszeniert.
Draußen dann der See, eingerahmt von Bergen, die Dächer dicht an dicht, Straßen, die schnell in Gassen übergehen, alles klein, kompakt, begehbar. Luzern hat nur rund 85.000 Einwohner, und doch wirkt die Stadt größer, weil sie so reich an Bildern ist.
Man läuft los, ohne Ziel, und plötzlich liegt die Kapellbrücke vor einem – 203 Meter Holz, mit dem Dach, das wie ein schiefer Rücken über die Reuss führt, darunter Bilder aus der Geschichte, Szenen, die noch immer erzählen, obwohl ein Teil beim Brand von 1993 verloren ging. Hier fühlt es sich an, als ginge man nicht einfach von Ufer zu Ufer, sondern über Jahrhunderte hinweg.
Ein paar Minuten weiter dann die Spreuerbrücke, schmaler, dunkler, die Tafeln des Totentanzes über den Köpfen: Skelette, die mit Fürsten und Bauern tanzen, ein Spiegel des Lebens, das endet, egal wer man ist. Ein harter Kontrast zur Altstadt, die bunt bemalt, fast verspielt wirkt, und gerade deshalb so eindrucksvoll.
Zwischen den Brücken und den Gassen blieb die Zeit für einen Moment still. Wir setzten uns, bestellten etwas zu trinken, und ich bestellte – in meiner Naivität – eine „kalte Schokolade“. Bekommen habe ich eine heiße Tasse, in die Eiswürfel schwammen. Martin lachte Tränen, ich probierte, und ja, es schmeckte so absurd, wie es klingt.
Als die Füße müde wurden, nahmen wir den City Train, diese kleine Bimmelbahn, die von Franziskanerplatz startet, 45 Minuten lang Altstadt und Seeufer abfährt, mit Kopfhörern in allen Sprachen, während draußen Kirchen, Plätze und Brücken vorbeiziehen. Besonders der Blick auf die Reuss von der Ferne war schön, und Martin lehnte sich zurück: „Wie Netflix, nur ohne Abo.“
Riesenschreck
Kaum aus der Bimmelbahn ausgestiegen, der Schock: Martins Tasche war weg. Reisedokumente, dazu kleine Andenken – Krüge, Gläschen, Magnete, wie eingefangene Stücke Luzerns, gedacht für die Verwandtschaft.
Zuerst zurück ins Café, wo wir gesessen hatten. Nichts. Also blieb nur eins: den ganzen Weg noch mal ablaufen. Martin los, ich schon mal in die Gaststätte, Plätze sichern.
Nach einer Stunde kam er zurück – gut gelaunt und mit Tasche. Er hatte sie am Bahnhof bei der Auskunft stehen lassen, und die Leute dort hatten sie sicher verwahrt. Freundlich, ruhig, schweizerisch effizient.
Die Erleichterung groß. Wir stießen an, tranken helles Bier aus der Region – goldfarben, frisch, genau das Richtige nach diesem Adrenalinstoß. Und plötzlich war der Schreck eine Geschichte, die uns mehr im Gedächtnis bleiben würde als manches Denkmal.
Hoch hinaus – Seilbahn zum Schloss Gütsch
Von der Altstadt aus sahen wir die kleine Seilbahn, die die Leute hochzog, direkt zum Schloss Gütsch, weiß und märchenhaft über der Stadt. Wer oben ankommt, sieht den See, die Dächer, die Berge – ein Panorama, das man fast für ein Bühnenbild halten könnte.
Wir wollten auch. Aber die Zeit lief uns davon.
Endspurt
Rückfahrt zu knapp geplant, plötzlich die Gefahr: Flieger verpassen. Also zum Bahnhof, Karten umtauschen. Ging, aber 30 € extra pro Person, weil die alten an den Zug gebunden waren.
„Vielleicht erinnern wir uns später genau daran“, meinte Martin. Und er hatte recht.
Rückflug & Roller
Am Flughafen kurz Panik: Flug nicht auf der Tafel. Von Gate zu Gate geschickt, am Ende Ersatzflug gefunden. Eine Stunde zehn später in Berlin-Schönefeld.
S-Bahn nach Hause. Martin raus am Alex, ich weiter bis Hauptbahnhof, wo mein Roller stand.
Und dann der nächste Schreck.
Helmfach auf, Helm aufgesetzt, Schlüssel gedreht – Bremse weg. Links abgebrochen. Rechts Kabel aus dem Lampenkasten gerissen, lose, zerfranst. Jemand hatte versucht, den Roller zu klauen. Alarmanlage muss losgegangen sein, sie haben gerissen, gebrochen, nichts erreicht.
Also Taxi nach Hause. Von dort Anzeige bei der Bundespolizei, Termin zehn Uhr am Morgen.
Dort erklärten sie mir: Platz videoüberwacht, aber schlechte Kameras. Immerhin: der Roller stand noch, kein Zentimeter bewegt. Alarmanlage, Kette, Lenkersicherung hatten gehalten.
Nur: wie kriege ich das Ding weg? Werkstatt angerufen, die sagten: Montag holen wir ihn ab, kein Problem. Versicherung einschalten. Fertig.
So stand der Roller, beschädigt, aber nicht gestohlen. Und so endete die Reise – nicht am See, nicht im Ratskeller, sondern mit einem absurden Kapitel Alltag.
