Manchmal frage ich mich, warum Städte so aussehen, wie sie aussehen.
Und warum wir uns so schnell daran gewöhnt haben.
Ich interessiere mich für Städte nicht als Ziele, sondern als Gedankenräume.
Für Orte, die mehr zeigen könnten, als sie heute dürfen.
Manchmal stelle ich mir vor, eine Stadt wäre so klar wie das Bauhaus, so eigenwillig wie Gaudí
und so menschlich wie Hundertwasser.
Mit Hundertwasser beginnt unsere Spurensuche konkret. Nicht als Stil. Sondern als Haltung.
Sie sind Experimente im Maßstab des Lebens.
Manchmal gelungen, manchmal gescheitert.
Immer widersprüchlich.
Uns interessieren keine Postkartenbilder. Kein Lächeln vor dem Eiffelturm, keine Souvenirs der immergleichen Sehenswürdigkeiten.
Uns zieht es zu Häusern, die Geschichten tragen. Zu Orten, die man im Vorübergehen übersieht.
Fragen, wie wir leben wollen – und welche Architektur uns dabei trägt oder im Weg steht.
Spurensuche – Tagesausflüge
Diese Orte ließen sich an einem Tag besuchen. Und sie blieben länger.
Keine klassischen Sehenswürdigkeiten, sondern Spuren – im Stadtbild, im Alltag, im Vorübergehen.
Wir begegneten Wohnhäusern, Thermen, Industrieanlagen und urbanen Komplexen.
Viele davon geprägt von Friedensreich Hundertwasser.
Gebaut, um zu funktionieren – aber nicht, um zu verschwinden. Architektur, die sich einmischt, Routinen bricht und zum Hinsehen zwingt.
Die Spurensuche führte uns nach Wien, Darmstadt, Magdeburg, Bad Blumau und Abensberg.
Kein Sightseeing. Kein Abhaken. Sondern kurze Wege zu Orten, die Haltung zeigten –und Fragen hinterließen.
Die Fotos halten fest, was man leicht übersieht. Spuren im Alltag.
Die Wohnanlage Bad Soden entstand Ende der 1990er-Jahre nach Ideen von Friedensreich Hundertwasser – nicht als Wohnmaschine, sondern als Gegenentwurf. Wohnen wurde hier neu gedacht: gegen serielle Fassaden, gegen funktionale Gleichförmigkeit, für Individualität, organische Formen und das Recht des Menschen, nicht normiert zu leben.
Der Hundertwasser-Bahnhof Uelzen entstand 2000–2001 aus den Ideen von Friedensreich Hundertwasser – nicht als Neubau, sondern als bewusste Umformung. Ein funktionaler Verkehrsort wurde neu programmiert: gegen die Logik der Norm, gegen die glatte Effizienz moderner Bahnhöfe.
Der Kuchlbauer Turm entstand aus einer persönlichen Initiative: Der damalige Besitzer der Kuchlbauer Brauerei kannte Friedensreich Hundertwasser und gab das Projekt bewusst in seine Hände. Kein offizieller Auftrag, kein touristisches Konzept – sondern ein gebauter Widerspruch.
Ein Turm aus Kugeln, gegen jede Norm gestapelt. Architektur als Haltung, nicht als Funktion. Eingebettet in den Alltag der Brauerei bleibt der Bau kein Solitär, sondern Teil eines lebendigen Ortes, der Arbeit, Kultur und Irritation miteinander verbindet.
Das KunstHaus Abensberg ist kein klassischer Museumsbau, sondern eine begehbare Haltung. Unruhige Linien, Keramik, Farbe – nichts ordnet sich der Glätte unter. Das Gebäude will nicht erklären, sondern irritieren. Kunst beginnt hier nicht im Inneren, sondern an der Fassade. (Am selben Ort)
Die Waldspirale in Darmstadt entstand als Wohnkomplex nach Ideen von Friedensreich Hundertwasser – nicht als geordnete Siedlung, sondern als bewohnte Abweichung. Keine identischen Fenster, keine klare Linie, stattdessen Kurven, Farben, Begrünung. Wohnen wird hier nicht optimiert, sondern individualisiert. Architektur als Gegenmodell zur seriellen Stadt.
Die Thermenanlage Bad Blumau wurde zwischen 1997 und 1999 nach Ideen von Friedensreich Hundertwasser realisiert. Nicht als klassischer Wellnesskomplex, sondern als eigenständige Welt. Hier wird gebadet, gewohnt, gegessen, geschlafen, pausiert. Therme, Hotel und Alltag greifen ineinander, ohne klare Trennung.
Der Ort folgt keinem Spa-Versprechen, sondern einem Zustand: Wärme, Bewegung, Stillstand. Architektur organisiert nicht – sie trägt. Bad Blumau funktioniert weniger als Angebot, mehr als zeitweilige Lebensform.
Das Hundertwasserhaus Wien entstand 1983–1985 als bewusste Störung im kommunalen Wohnbau. Kein Manifest des „Roten Wien“, sondern ein spätes Gegenbild dazu. Die Fassade fließt, der Boden ist uneben, Pflanzen wachsen aus Fenstern und Dächern.
Hier wird Wohnen nicht rational organisiert, sondern lebendig gedacht. Das Haus folgt keinem Ideal der Ordnung, sondern dem Prinzip des Kreislaufs: Mensch, Architektur, Natur – verbunden wie Wasser, das sich seinen eigenen Weg sucht.
Die Müllverbrennungsanlage Spittelau gehört zu Wien und ist eines der radikalsten Beispiele dafür, wie Friedensreich Hundertwasser gedacht
hat. In den 1990er-Jahren wurde der technische Zweckbau bewusst umgestaltet – nicht trotz seiner Funktion, sondern wegen ihr.
Farbe, Keramik und die goldene Kuppel machen sichtbar, was Städte sonst verstecken. Abfall, Energie, Hitze werden nicht verdrängt, sondern integriert. Spittelau ist kein Schönbau, sondern ein Statement: Verantwortung beginnt dort, wo man hinschaut.
Die Schule in Lutherstadt Wittenberg war ursprünglich ein nüchterner Plattenbau. In den 1990er-Jahren wurde sie nach Ideen von Friedensreich Hundertwasser umgestaltet – nicht als Prestigeprojekt, sondern als Reparatur.
Farbe, unregelmäßige Fenster, Begrünung. Der Bau verliert seine serielle Härte und gewinnt Eigenart. Lernen findet hier nicht mehr in einer normierten Hülle statt, sondern in einem Gebäude, das zeigt: Auch Bildung braucht Räume, die Individualität zulassen.
An der Grünen Zitadelle in Magdeburg fällt auf, wie bewusst Funktionen zusammengeführt werden. Wohnraum, Gaststätten, Läden und sogar eine Kindertagesstätte liegen hier nicht nebeneinander, sondern ineinander. Alltag, Arbeit, Versorgung und Rückzug teilen sich denselben Baukörper.
Das ist kein Zufall, sondern Haltung. Hundertwasser denkt Stadt nicht in Zonen, sondern als Verdichtung von Leben. Die Zitadelle funktioniert weniger
als Objekt, mehr als kleines Stadtfragment.
Das Ronald McDonald Haus in Essen wurde nach Ideen von Friedensreich Hundertwasser gestaltet und dient als Wohnhaus für Familien schwerkranker Kinder. Ein sozialer Zweckbau, kein Ausstellungsobjekt.
Formen, Farben und unregelmäßige Linien folgen hier nicht einer Geste, sondern einer Funktion: Schutz, Nähe, Entlastung. Architektur tritt zurück und wird Mittel zum Zweck. Genau deshalb fällt das Gebäude aus der Spurensuche heraus – es ist kein Ort der Irritation, sondern der Fürsorge.
