Warum beginnt der Roman mit einem Häuter?
Diese Frage wird mir wahrscheinlich am häufigsten gestellt.
Warum beginnt ein Roman ausgerechnet mit einer Figur, die einem anderen Menschen die Haut abzieht?
Viele vermuten, ich hätte den Leser gleich zu Beginn schockieren wollen. Tatsächlich war genau das nie meine Absicht. Mich interessierte nicht die Gewalt. Mich interessierte der Mensch.
Der Häuter war für mich nie eine Horrorgestalt. Er war der Versuch, einer Frage nachzugehen, die mich schon lange begleitet: Was geschieht mit einem Menschen, wenn ihm alles genommen wird? Nicht nur seine Freiheit oder sein Name, sondern sogar sein eigenes Gesicht. Wie weit würden wir selbst gehen, wenn Überleben nur noch möglich wäre, indem wir jemand anderes werden?
Aus dieser Frage entstand die Figur.
In Perpetua gelten Männer als ausgestorben. Wer dennoch existiert, muss für das System unsichtbar werden. Nicht, indem er sich versteckt, sondern indem er eine andere Identität annimmt. Der Häuter trägt die Haut einer Frau deshalb nicht aus Grausamkeit. Er trägt sie, weil sie sein einziger Schutz ist. Sie wird zu Kleidung, zu Tarnung, zu einem Passierschein in einer Welt, die ihn längst für tot erklärt hat.
Aus dem Roman
„Die Haut liegt vor mir.
Ein stilles Kleid.
Faltenlos.
Noch mit Körperwärme.
Ich ziehe sie über.
Von den Füßen her.
Langsam.
Millimetergenau.
Sie schließt sich.
Ohne Naht.
Die Biotensoren ziehen glatt.
Verwachsen.
Funktional.“
Viele Leser empfinden diese Passage als verstörend. Das kann ich gut verstehen. Beim Schreiben stellte ich mir allerdings eine andere Frage: Warum erschüttert uns ausgerechnet die Haut eines Menschen so sehr?
Eine Lederjacke tragen viele von uns ganz selbstverständlich. Lederschuhe ebenso. Dahinter steht ebenfalls ein Lebewesen, doch darüber denken wir im Alltag kaum nach. Der Roman treibt diesen Gedanken bewusst an seine äußerste Grenze – nicht, um Ekel hervorzurufen, sondern um sichtbar zu machen, wie schnell wir uns an Dinge gewöhnen, solange sie außerhalb unseres Blickfeldes stattfinden.
Je länger ich an dieser Figur arbeitete, desto weniger sah ich in ihr ein Monster. Stattdessen entstand das Bild eines Menschen, der Monat für Monat seine Identität verliert, nur um den nächsten zu erleben. Das erschien mir irgendwann viel tragischer als die eigentliche Tat.
Am Ende blieb deshalb für mich nicht die Frage, wie brutal diese Figur ist.
Sondern eine andere:
Wer bin ich noch, wenn ich nur überleben kann, indem ich jeden Tag jemand anderes werde?
Mit dieser Frage begann der Roman. Der Häuter war lediglich die erste Antwort, die ich darauf gefunden habe.
Perpetua · Wartungsebene 12
Roman: „Hinter den Schatten der
Wirklichkeit“
