Alles begann mit einer Frage
Wie meine Bücher entstanden
Alles begann nicht mit einer Figur. Nicht mit einer Handlung. Sondern mit einer Frage.
Was, wenn unsere Wirklichkeit nur eine Simulation ist?
Diese Frage ließ mich über Jahre nicht los. Eine wissenschaftliche Studie brachte sie erneut in mein Bewusstsein. Gleichzeitig erinnerte ich mich an Platons Höhlengleichnis – an den Menschen, der die Höhle verlässt, die Wirklichkeit erkennt und zurückkehrt. Doch die anderen können oder wollen ihm nicht glauben.
Mich faszinierte nie die schnelle Antwort. Mich interessierte der Moment, in dem ein Weltbild ins Wanken gerät. Was geschieht mit einem Menschen, wenn alles, woran er glaubt, plötzlich zerbricht? Warum verteidigen wir oft lieber vertraute Gewissheiten als eine unbequeme Wahrheit?
Damals schrieb und inszenierte ich bereits seit vielen Jahren Theaterstücke. Geschichten auf einer Bühne zu erzählen, war mir vertraut. Doch diesmal hatte ich das Gefühl, dass daraus etwas Größeres entstehen wollte.
Die erste Geschichte
Aus dieser Frage entstand zunächst Ben.
Ein junger Mann am Rand der Gesellschaft. Drogenkurier. Bodypacker.
Seine Schwester Vanessa wurde sein Gegenpol. Zwischen beiden entwickelte sich eine Geschichte über Schuld, Freiheit und Wahrnehmung.
Damals glaubte ich noch, einen Kriminalroman zu schreiben.
Doch schon während der ersten Entwürfe merkte ich, dass mich nicht das Verbrechen interessierte. Mich beschäftigte etwas anderes: Wie leicht lässt sich unsere Wirklichkeit verändern? Und woran erkennen wir überhaupt, dass etwas wahr ist?
Während der Überarbeitung traf ich schließlich eine Entscheidung, die den gesamten Roman veränderte.
Aus Ben wurde Bena.
Mit ihr entstand Perpetua – eine scheinbar perfekte Stadt, in der Sicherheit wichtiger geworden ist als Freiheit und Kontrolle wichtiger als Vertrauen.
Doch je weiter ich schrieb, desto größer wurde die Welt hinter dieser Stadt. Aus einer Geschichte entstand nach und nach ein ganzer Kosmos. Die Vergessenen traten auf – eine uralte Zivilisation, die ihre eigene Wirklichkeit zerstört hat und verzweifelt versucht, sie neu zu erschaffen.
Mit jeder neuen Figur wurde mir deutlicher, dass jede Gesellschaft ihre eigenen Schatten hervorbringt. Der Häuter war einer von ihnen – entstanden aus der Frage, wie schmal die Grenze zwischen Ordnung und Grausamkeit sein kann.
In diesem Moment wurde mir klar, dass ich keinen einzelnen Roman mehr schrieb.
Ich schrieb eine Trilogie.
Zwei Wege – dieselbe Neugier
Parallel dazu entstand ein völlig anderes Projekt.
Der Schuhkarton.
Auf den ersten Blick könnte der Unterschied kaum größer sein.
Keine künstliche Intelligenz. Keine Simulationen. Keine fernen Welten.
Stattdessen Menschen. Erinnerungen. Reisen. Und jene kleinen Augenblicke des Alltags, die wir meist übersehen.
Ein Gespräch im Zug. Eine Panne. Eine absurde Situation. Eine flüchtige Begegnung. Dinge, an denen die meisten Menschen achtlos vorbeigehen.
Mich interessiert genau dieser Augenblick – wenn aus etwas Alltäglichem plötzlich eine Geschichte wird.
So unterschiedlich beide Projekte auch erscheinen – sie entspringen derselben Neugier.
Die Trilogie stellt die großen Fragen nach Wirklichkeit, Freiheit und Bewusstsein.
Der Schuhkarton sucht dieselben Fragen mitten im Alltag.
Mehr als Science-Fiction
Technik begleitet mich seit vielen Jahren. Fotografie, Film, Musik, virtuelle Realität und künstliche Intelligenz fließen deshalb ganz selbstverständlich in meine Geschichten ein.
Doch sie sind nie Selbstzweck.
Mich interessiert nicht die Technik.
Mich interessiert der Mensch.
Wie verändert Technik unsere Wahrnehmung?
Welche Entscheidungen nimmt sie uns ab?
Und was geschieht mit unserer Freiheit, wenn wir Bequemlichkeit höher bewerten als Selbstbestimmung?
Diese Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Arbeit.
Warum Streifzugler?
Je länger ich schrieb, desto klarer wurde mir, dass nicht die Genres das Verbindende sind.
Sondern die Art, wie ich auf die Welt blicke.
Mal führt dieser Blick in eine ferne Zukunft.
Mal in eine kleine Seitenstraße, auf einen Bahnhof oder an einen Urlaubsort.
Mal begegnet er einer künstlichen Intelligenz.
Mal einem Menschen, dessen Geschichte sonst niemand erzählen würde.
Immer geht es darum, hinter die Oberfläche zu schauen.
Vielleicht ist genau daraus Streifzugler entstanden.
Aus einer einzigen Frage.
Einer Frage, auf die ich bis heute keine endgültige Antwort gefunden habe.
Vielleicht suche ich sie deshalb bis heute.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich weiterschreibe.
Denn die spannendsten Geschichten beginnen oft dort, wo wir glauben, schon alles zu kennen.
Und manchmal führt ein kleiner Streifzug weiter als eine Reise um die halbe Welt.
