Neun Tage
Südkreuz, 20:00 Uhr
Es ist kurz nach acht am Südkreuz, und die Luft ist so klar und kalt, dass man den Atem sieht. Ich stehe dort mit dicker Jacke und hochgezogenem Reißverschluss, wie fast alle anderen auch, die auf den Bus warten. April in Berlin verspricht nichts.
Martin kommt über den Platz, leicht verspätet, aber mit jener Selbstverständlichkeit, die ihn immer begleitet – im T-Shirt.
„Wo ist deine Jacke?“
Er winkt ab. „Ist doch angenehm mild.“
Der Wind zieht quer über den Busbahnhof. Selbst die Raucher rücken enger zusammen.
„Du hast keine dabei?“
Er sieht mich an, als hätte ich etwas Grundsätzliches missverstanden. „Wir fahren nach Rimini. Sommer. Sonne. Was willst du?“
„Du weißt schon, dass wir April haben.“
Er lächelt ein wenig zu fest. „Björn. Wir fahren nach Italien.“
Zwischenhalt – Innsbruck
Der Bus hält alle zwei Stunden. Man steigt aus, bewegt sich, atmet, bevor man wieder in die Sitze sinkt.
In Innsbruck stehen wir plötzlich im Schnee. Weiße Böschungen neben dem Parkplatz, kalte Luft, die sofort unter die Kleidung greift. Die anderen steigen aus wie kleine Expeditionen.
Martin steht daneben im T-Shirt.
„Zieh was an.“
„Geht schon.“
Drinnen taut er langsam wieder auf, sagt aber nichts. Das Shirt bleibt.
Rimini
Rimini-Vor der Saison
Römische Bögen, Renaissance-Fassaden, dahinter die Küste. Nichts wird versteckt. Jede Epoche hat sich ihren Platz genommen – und ist geblieben.
Rimini empfängt uns mit Sonne und Wind zugleich. Das Meer riecht nach Salz, aber nicht nach Sommer. Die Promenade ist breit, fast zu breit für die wenigen Menschen, die sich dort bewegen.
Liegestühle stehen gestapelt, Strandbars sind halb geöffnet.
Eine ältere Italienerin bleibt stehen.
„Non ha freddo?“
Martin antwortet: „È abituato.“
Der Arco d’Augusto steht unbewegt am Rand der Straße. Die Ponte di Tiberio trägt seit zwei Jahrtausenden Menschen über das Wasser. Im Tempio Malatestiano liegt die Renaissance im Halbdunkel, ehrgeizig und unvollendet.
Rimini – römische Bögen, Renaissancefassaden und Küstenmoderne nebeneinander.
Mittag ohne Publikum
Wir entdecken eine kleine Trattoria, gerade geöffnet.
„Siamo aperti?“
„Certo.“
Wenig später steht eine riesige Platte vor Martin: Nudeln, Muscheln, Garnelen, Hummerstücke, alles in einer Soße, die wirklich nach Meer schmeckt.
„Sedici euro.“
Wir lachen. In Berlin hätte das mindestens das Doppelte gekostet.
Martin bestellt Dessert. Ein Blumentopf aus Schokolade, Erde aus Krokant, eine Pflanze aus Zucker.
„Der Topf ist komplett essbar“, sagt er zufrieden.
Draußen bleibt es ruhig. Vor der Saison bekommt man manchmal alles – nur ohne Publikum.
Die kalte Wüste
Wir mieten E-Roller und wollen am Meer entlangfahren. Doch Absperrungen und Umleitungen bremsen jede Fahrt. Der Wind treibt Sand über die Straße.
Ich fahre in eine kleine Sandwehe. Das Vorderrad sinkt ein, blockiert, der Roller zieht weg. Für einen Moment sehe ich nur Asphalt.
„Attento!“
Ich fange mich wieder. Das Herz schlägt bis in den Hals. Ein älterer Radfahrer schüttelt den Kopf.
Florenz
Große Plätze, klare Achsen, alles auf Wirkung gebaut.
Wir suchen eine Brücke wieder, die wir früher fotografiert hatten. Heute ist sie überfüllt. Menschen schieben sich dicht über das Pflaster.
Florenz war einst Hauptstadt Italiens, und in der Monumentalität seiner Plätze spürt man dieses politische Selbstbewusstsein noch immer. Die Stadt ist Renaissance in gebauten Proportionen.
Wir finden ein kleines Lokal, das gerade öffnet. Pizza, dünn, schlicht, hervorragend. Während wir essen, füllt sich der Raum. Der Kellner fragt höflich nach.
Wir stehen auf, während draußen die Nächsten warten. Karfreitag.
San Marino
San Marino sitzt fest im Hang
Mauern und Türme folgen der Linie des Berges, kompakt, unbeirrbar. Zeit wirkt hier eher wie ein Besucher.
Der Bus braucht drei Anläufe, bis wir richtig parken. Der Aufstieg beginnt in Serpentinen, vorbei an Geschäften und Souvenirs.
„Italia voleva. Noi no“, sagt ein Händler.
San Marino ist eine in Stein gegossene Verteidigungslogik, kompakt, steil, vom Hang bestimmt. Oben wird der Wind klarer.
Santarcangelo
Santarcangelo wächst aus dem Hügel, ohne erkennbare Absicht. Enge Gassen, Stein, die Rocca darüber. Alles liegt nah beieinander, fast zu nah, um sich zu verlieren.
Santarcangelo wirkt wie gewachsene Dorfarchitektur – Naturstein, enge Gassen, die Rocca über dem Ort. Alles scheint organisch aus dem Hügel entstanden.
Mondaino
Mondaino – Käse, Öl und Dante
Die Piazza liegt halbkreisförmig im Hang. Sie bündelt alles, die Mauern schließen leise ab. Mehr braucht es nicht.
Mondaino wirkt nicht spektakulär, sondern bescheiden – obwohl es eigentlich ein ziemlich großes Dorf ist, wirkt es durch die kompakte Bauweise auf dem Hügel viel kleiner und überschaubarer.
Wir betreten einen kühlen Raum. Käse, Olivenöl, Brot. Ein Mann im historischen Gewand begrüßt uns, stellt sich als Professor vor und beginnt zu erzählen – von der Region, von den Malatesta, von Grenzlinien.
Und dann fällt der Name Dante.
Er sagt nicht, Dante sei sicher hier gewesen. Er sagt, man erzähle es sich. Dante habe im Einflussbereich dieser Familie Schutz gefunden.
Dann zitiert er:
„Lasciate ogne speranza, voi ch’intrate.“
Die Worte stehen kurz im Raum.
Ich muss sofort an Ahaus denken – an das Haus, das dort nach der Göttlichen Komödie gebaut wurde, mit Himmel, Hölle und allem Drum und Dran. Mehrere Millionen wurden reingesteckt, ein Museum, das mich als Regisseur natürlich sehr interessiert hat.
Während wir Olivenöl probieren, denke ich daran, wie Dante Räume als Ordnung beschrieb. Auch hier ist nichts zufällig.
Vicenza
Vicenza – im Verkehrschaos
Martin kennt sich aus, hat hier mal gearbeitet.
Er hat einen Plan.
Wir steigen in den falschen Bus, stehen in einer stillen Seitenstraße, finden schließlich den richtigen Weg. Ein neuer Bus. Ich habe genug, steige aus, brauche Luft und fahre einfach weiter durch Vicenza.
Und dann stehe ich auf der Piazza dei Signori. Markttag. Stoffbahnen flattern, Tomaten leuchten, Stimmen mischen sich, jemand ruft Preise, irgendwo klappert Metall auf Stein.
Hinter den Ständen erhebt sich die Basilica Palladiana. Ruhig, fast beiläufig. Die Bögen stehen da, als hätten sie nie etwas beweisen müssen.
Vicenza wirkt geordnet, ohne streng zu sein. Linien, die sich halten. Proportionen, die nicht erklären müssen.
Palladio hat hier gebaut – und plötzlich ergibt es Sinn. Räume, die den Menschen nicht überwältigen, sondern beruhigen.
Man merkt es, ohne darüber nachzudenken. Die Wege sind klar, die Plätze offen, nichts drängt sich vor. Selbst der Markt ordnet sich ein, als würde er die Architektur respektieren.
Seine Idee war einfach: unten arbeiten, oben leben. Dazwischen keine Trennung, sondern ein Gleichgewicht. Gebäude nicht als Geste, sondern als Haltung.
Im Teatro Olimpico wird Raum zur Illusion. Straßen, die es nicht gibt, Perspektiven, die sich verengen. Man erkennt den Trick – und glaubt ihn trotzdem.
Am Abend treffen Martin und ich uns am Bahnhof. Wir laufen, verpassen fast den Zug.
Er hat Verspätung.
Bologna
Bologna – Zwischenhalt unter den Arkaden
In Bologna steigen wir um. Der Bahnhof liegt im roten Licht des Sonnenuntergangs. Alles scheint in eine einzige Farbe getaucht.
Wir fotografieren, verlieren Zeit.
Bologna definiert sich über seine endlosen Arkaden, die Straßen in geschützte Raumfolgen verwandeln und der Stadt eine rhythmische Tiefe geben.
Erst gegen Mitternacht erreichen wir Rimini wieder.
Venedig
Venedig – Ostermontag
Bögen, Kuppeln, enge Übergänge.
Die Stadt ist überfüllt. Der Markusplatz wirkt wie eine bewegliche Masse.
Ein Cappuccino kostet 19,50 Euro.
„Solo clienti“, sagt jemand, als ich mich setzen will.
Das Vaporetto ist voll. Stimmen, Bewegung, kein Raum.
Venedig ist Architektur aus Wasser und Spiegelung. Perfekt organisiert, aber eng.
Ich esse Haferflocken aus meinem Thermobehälter auf einer Brücke. Keine Rechnung. Kein Mindestverzehr.
Der Moment - In Rimini
Zurück in Rimini steht Martin am Meer.
„Sei matto?“
Er zieht das T-Shirt aus und läuft ins Wasser. Als er zurückkommt, ist seine Haut rot.
„Freddo.“
Ein junger Mann ruft: „Rispetto.“
Rückfahrt
Martin nimmt diesmal den Zug. Die Hinfahrt war ihm zu lang.
Ich bleibe im Bus. Der Platz neben mir ist frei. Zum ersten Mal breite ich mich aus, strecke die Beine, genieße den Raum.
Nach zwei Stunden ruft er an. „Na, wie weit seid ihr?“
„Noch hinter Bologna.“
„Ich sitz schon im ICE.“
Er kommt schneller an. Ich später.
Beides fühlt sich richtig an.




