Matia–73 war kaum schwerer als ein Kind.
Ich hob sie auf den Edelstahltisch und blieb einen Moment stehen. Ihr Kopf war zur Seite gesunken, eine Haarsträhne lag über ihrer Stirn. Vorsichtig strich ich sie zurück.
»Matia–73«, las ich vom Armband.
Ein schöner Name.
Schade, dass sie ihn nie würde behalten dürfen.
Ich zog die Arbeitslampe näher heran. Das kalte Licht glitt über ihr Gesicht und blieb einen Augenblick auf den geschlossenen Lidern liegen. Die Haut musste unversehrt sein. Mehr verlangte die
Maschine nicht.
Der Rest war Routine.
Seit zwanzig Jahren begann jede Verwandlung auf dieselbe Weise.
Der erste Schnitt verlief von der Schilddrüse bis zum Schambein. Flach. Zu tief durfte die Klinge nicht eindringen. Die Haut verzieh keine Ungeduld.
Ich arbeitete langsam.
Nicht ihretwegen.
Meinetwegen.
Ich setzte das Skalpell erneut an und arbeitete mit derselben Geduld, mit der ein Uhrmacher ein kostbares Werk zerlegt. Nicht Kraft entschied über das Ergebnis, sondern Gefühl.
An den Schultern löste ich die Faszien mit der Gabelzange. Millimeter für Millimeter gab das Gewebe nach. Meine linke Hand hielt die Spannung, die rechte führte die Klinge.
So ging es leichter.
Die Maschine übernahm später fast alles. Meine Aufgabe bestand lediglich darin, ihr die biologische Matrix zu übergeben.
Früher habe ich während der Arbeit mehr gesprochen. Heute genügt ein einziges Wort.
»Verzeih.«
Die Haut löste sich sauber.
Gut.
Als ich fertig war, legte ich die vorbereitete Haut in die Maschine.
Früher habe ich diese Maschine gebaut.
Heute hält sie mich am Leben.
Die Halterungen schlossen sich lautlos.
Ein tiefes Summen erfüllte die Kammer.
Auf dem Display erschienen die vertrauten Anzeigen. Zellstruktur. Pigmentierung. Genetische Signatur. Biometrische Merkmale.
Analyse vollständig.
Ich stellte mich in das Gestell und schloss die Augen.
Die Halterungen legten sich um Schultern, Arme und Beine. Einen Herzschlag später stieg aus dem Inneren der Maschine ein feiner, silbriger Nebel auf.
Er fühlte sich warm an.
Fast lebendig.
Die Maschine analysierte die biologische Matrix und begann anschließend, daraus Schicht für Schicht Matias äußere Hülle aufzubauen. Jede Pore, jede Pigmentierung und jede winzige Unebenheit
entstand neu. Aus den genetischen Informationen rekonstruierte sie diese mit einer Präzision, die kein Mensch jemals erreicht hätte.
Gleichzeitig übertrug sie ihren Identitätscode.
Von diesem Augenblick an erkannte mich jeder Scanner, jede Kamera und jede biometrische Kontrolle als Matia–73.
Für Perpetua war ich in diesem Augenblick verschwunden.
Matia blieb.
Das Summen verklang.
Die Halterungen öffneten sich.
Der Raum war still geworden.
Nur das leise Summen der Maschine hielt noch einen Augenblick an, bevor auch das verstummte.
Ich blieb vor dem Spiegel stehen.
Mit der Zeit lernt man, fremden Gesichtern zu vertrauen.
Dem eigenen nicht.
Ich strich den Ärmel glatt und kontrollierte das Armband.
Matia–73.
Ein leises Aufblinken bestätigte die Verbindung.
Gut.
Ich nahm meine Tasche vom Haken neben der Tür. Als ich gehen wollte, fiel mein Blick auf eine schlichte hellblaue Haarspange, die auf der Arbeitsplatte liegen geblieben war.
Ich hob sie auf.
Ob Matia sie selbst ausgesucht hatte oder ob das Inkarnationskarussell sie ihrem neuen Körper einfach mitgegeben hatte, würde ich niemals erfahren.
Wahrscheinlich Letzteres.
Das Karussell entschied über weit mehr als nur Gesichter.
Es erschuf einen neuen Körper, löschte Erinnerungen und schickte das Bewusstsein zurück in die Welt. Nur das, was ein Mensch gelernt hatte, blieb erhalten. Alles andere begann von vorn.
Auch die Identität.
Die ersten Wochen irrten sie wie Schlafwandler durch Perpetua. Langsame Schritte, vorsichtige Bewegungen, staunende Blicke. Das neue Bewusstsein brauchte Zeit, bis es seinen Platz gefunden hatte.
Das machte mein Leben leichter.
Ich durfte langsam gehen.
Ich durfte zögern.
Ich durfte Matia erst noch werden.
Behutsam legte ich die Haarspange zurück.
»Mach’s gut, Matia.«
Mehr sagte ich nicht.
Sie würde wiederkommen.
Nicht mit diesem Gesicht.
Nicht mit diesem Namen.
Aber das Inkarnationskarussell würde irgendwann einen neuen Körper erschaffen. Ihr Bewusstsein würde erwachen, ohne sich an dieses Leben zu erinnern.
Vielleicht war Vergessen die eigentliche Gnade.
Ich beneidete sie darum.
Meine Hand blieb einen Moment auf der kalten Stahlplatte liegen.
Ich konnte nicht vergessen.
Nicht den Tag, an dem alles begann.
Damals war ich Ingenieur.
Der Ankleider war eine meiner Erfindungen. Eigentlich stellte er Kleidung her – passgenau für jeden Körper. Ein paar Änderungen an der Steuerung, einige Biotensoren und eine neue Materialmatrix
hatten genügt.
Heute fertigte dieselbe Maschine keine Kleidung mehr.
Sie erschuf biologische Hüllen.
Meine biologische Hülle.
Manchmal fragte ich mich, ob sie noch immer meine Erfindung sei.
Oder längst die eines anderen.
Ich nahm die Tasche vom Haken und warf einen letzten Blick durch die Kammer.
Für andere war sie eine Werkstatt.
Für mich war sie der einzige Ort, an dem ich noch ich selbst sein durfte.
Ich löschte die letzte Kontrollleuchte.
Die Kammer versank in Dunkelheit.
Nur unter der Tür zeichnete ein schmaler Lichtstreifen den Weg hinaus.
Ich atmete tief durch.
Dann öffnete ich die Tür.
Draußen wartete Perpetua.
* * *
Die Tür glitt lautlos hinter mir ins Schloss.
Sofort veränderte sich die Luft.
Der Geruch von Schmieröl blieb hinter der Wand zurück. Hier draußen roch es nach feuchter Erde, frischem Brot und den Blüten der Gärten, die weit oben unter der Kuppel wuchsen.
Es war Abend.
Das künstliche Sonnenlicht verlor langsam an Kraft und tauchte Perpetua in einen warmen Goldton. Über mir zogen sich Brücken zwischen den Ebenen entlang. Schwebebahnen glitten lautlos an
begrünten Terrassen vorbei, während Menschen auf dem Heimweg waren.
Je höher man wohnte, desto angenehmer wurde das Leben. Dort oben gab es mehr Licht, mehr Platz und Gärten, während unten der Beton blieb.
Ich ging langsam.
Ein Schlafwandler durfte nicht zielstrebig wirken.
Die ersten Wochen erwartete niemand Sicherheit von einem Neugeborenen. Das neue Bewusstsein brauchte Zeit, bis es mit seinem Körper verwachsen war. Also setzte ich jeden Schritt mit der
Unsicherheit eines Menschen, der die Welt gerade erst kennenlernte.
Eine ältere Frau lächelte mich an.
»Erste Woche?«
Ich nickte.
»Das legt sich«, sagte sie und ging weiter.
Wenn sie wüsste.
Zwei Ebenen höher warteten einige Menschen vor einem Nahrungsmittelmodul.
Der Duft von frischem Brot hing in der Luft.
Ich musste lächeln.
Es gab weder Brot noch Käse noch Kaffee.
Nur eine einzige biologische Grundmasse.
Der Rest war Erinnerung.
Ich hatte selbst an diesen Modulen gearbeitet. Sie formten aus einem nährstoffreichen Zellbrei genau das, was der Bewohner bestellte. Farbe, Konsistenz, Temperatur, Geruch – alles ließ sich
simulieren.
Die meisten merkten nie einen Unterschied.
Sie wollten Brot.
Also bekamen sie Brot.
Oder wenigstens etwas, das sich genauso anfühlte.
Als ich an der Reihe war, legte ich das Armband auf das Lesefeld.
Ein grüner Lichtkreis erschien. Identität bestätigt. Matia–73.
Das Fach öffnete sich. Ich nahm das warme Brot entgegen. Der erste Bissen schmeckte
wie früher. Oder zumindest erinnerte mein Gehirn sich daran.
Ich blieb noch einen Moment stehen und sah den Menschen zu.
Sie lachten.
Unterhielten sich.
Planten ihren nächsten Tag.
Niemand ahnte, dass zwischen ihnen ein Mann stand.
Ich setzte meinen Weg fort.
Kurz bevor ich den oberen Steg erreichte, fiel etwas im Licht der Abendsonne auf.
Zwischen zwei Metallplatten steckte eine Scherbe.
Ich hob sie auf und wischte den Staub mit dem Ärmel fort.
Für einen flüchtigen Augenblick glaubte ich, hinter Matias Spiegelbild ein zweites Gesicht zu sehen.
Nicht meines.
Das einer jungen Frau.
Ich blinzelte.
Als ich erneut hinsah, spiegelte die Scherbe nur noch Matia.
»Zu lange ohne Schlaf«, murmelte ich.
Ich stellte die Scherbe wieder an ihren Platz und ging weiter.
Über mir leuchteten die Gärten unter der Kuppel.
Tief unter ihnen verschwand Matia–73 im Strom der Menschen.
* * *