Wie ich mit künstlicher Intelligenz arbeite
Künstliche Intelligenz kommt in meiner Arbeit erst dann ins Spiel, wenn eine Geschichte, eine Figur oder eine Szene bereits entstanden ist.
Ich nutze sie, um innere Bilder sichtbar zu machen, Bewegungen zu erproben und Texte in Stimmen, Geräusche und Klangräume zu übersetzen.
Manchmal entsteht eine Geschichte im Zug, in der Straßenbahn oder mitten während einer Theaterprobe. Plötzlich sehe ich einen Raum. Ich höre Stimmen, Schritte oder ein Geräusch. Manchmal glaube ich sogar, etwas zu riechen: Metall, Staub, feuchte Erde oder kalte Luft.
Oft geschieht das zu einem völlig unpassenden Zeitpunkt.
Manchmal gehe ich abends mit einem undeutlichen Gedanken ins Bett und wache am nächsten Morgen mit einer beinahe fertigen Szene auf.
Dann sehe ich eine Frau, die auf ein Haus zugeht. Während sie sich bewegt, nimmt sie immer mehr Gestalt an: kurze rote Haare, eine bestimmte Haltung, ein eigener Gang. Sie öffnet eine Tür.
Und plötzlich ist da der Raum dahinter.
Eine Fabrikhalle. Maschinen. Fließbänder. Ich höre das Stampfen der Anlagen und rieche Metall, Öl und Hitze.
Die Frau heißt inzwischen Blue.
Sie trägt eine metallene Armprothese.
Warum sie diese Prothese hat, weiß ich in diesem Augenblick vielleicht noch nicht. Zunächst beschreibe ich nur, was in meinem Kopfkino geschieht. Die Bedeutung entsteht später.
Solche Einfälle halte ich möglichst sofort auf losen Zetteln fest.
So ähnlich habe ich bereits im Theater gearbeitet.
Ich beschrieb einem Bühnenbildner, wie ein Raum wirken sollte. Mit Schauspielern sprach ich über Haltung, Bewegung, Pausen und den inneren Zustand einer Figur. Licht, Klang und Raum veränderten die Szene, bis sie sich dem Bild näherte, das ich im Kopf hatte.
Beim Roman ist es im Grunde nicht anders. Der Text bringt Räume, Wege und Handlungsorte hervor. Oft sehe ich diese Orte jedoch schon vor mir, bevor sie vollständig beschrieben sind.
Dann beginne ich, mit Worten zu malen.
Der entscheidende Unterschied liegt im Publikum. Im Theater höre ich, wenn Menschen lachen. Ich sehe, wenn sie weinen, unruhig werden oder plötzlich ganz still auf das Geschehen blicken. Beim Roman fehlt diese unmittelbare Probe.
Deshalb lese ich meine Texte bis heute häufig laut oder lasse sie mir vorspielen. So höre ich schneller, ob ein Satz trägt, ins Stocken gerät oder nur auf dem Papier funktioniert.
Doch die entscheidende Reaktion bleibt unsichtbar.
Sie entsteht erst im Kopf des Lesers.
Vom inneren Bild zum sichtbaren Ort
Wenn ich aus einer Szene ein Bild entwickeln will, beschreibe ich den Ort immer genauer. Ich lege fest, wie groß die Halle ist, woher das Licht kommt, wie die Maschinen angeordnet sind, welche Kleidung Blue trägt und aus welcher Perspektive wir sie sehen.
Dabei geht es nicht darum, irgendein eindrucksvolles Bild zu erzeugen.
Ich versuche, mich dem Bild anzunähern, das bereits in meinem Kopf existiert. Das kann Stunden dauern, manchmal sogar Tage.
Die KI versteht nicht automatisch, was ich meine. Eine Figur steht richtig, aber das Licht stimmt nicht mehr. Der Raum passt, doch Blue sieht nicht mehr wie Blue aus. Die Armprothese sitzt am falschen Arm. Oder aus einer düsteren Fabrikhalle wird ein sauberer futuristischer Ausstellungsraum.
Dann formuliere ich genauer, korrigiere und beginne erneut.
Besonders frustrierend wird es, wenn ich eigentlich nur will, dass meine Hauptdarstellerin die Hand auf den Tisch legt.
Und plötzlich verändert die KI das ganze Bild, sodass ich wieder von vorn anfangen kann.
Wenn nach vielen Versuchen schließlich ein Bild entstanden ist, das meinem Kopfkino nahekommt, frage ich mich manchmal:
Wer hat dieses Bild eigentlich geschaffen – die KI oder ich?
Die Antwort ist nicht einfach.
Die KI erzeugt die sichtbare Oberfläche. Ich entwickle die Szene und entscheide über Ort, Licht, Perspektive, Figuren und Atmosphäre. Vor allem entscheide ich, wann ein Ergebnis nicht stimmt und verworfen werden muss.
Ich übersetze meine Vorstellung in Sprache – ähnlich, wie ich früher einem Maler oder Bühnenbildner eine Szene beschrieben hätte.
Nur besteht mein Material nicht aus Farbe, Holz oder Stoff.
Es besteht aus Sprache.
Ich male mit Worten.
Vom Text zum Klang
Ähnlich arbeite ich mit Stimmen, Geräuschen und Hörspielsequenzen.
Ein Satz verändert sich, sobald er gesprochen wird. Plötzlich hört man, ob sein Rhythmus trägt, ob eine Pause fehlt oder ob ein Dialog nur auf dem Papier funktioniert.
Mithilfe künstlich erzeugter Stimmen und szenischer Klangräume erprobe ich einzelne Passagen meiner Texte.
Wie klingt eine künstliche Intelligenz, die fürsorglich spricht und gerade dadurch bedrohlich wirkt? Was geschieht mit einer Szene, wenn Schritte näher kommen, irgendwo Metall summt oder eine Stille wenige Sekunden zu lange anhält?
Stimmen klingen manchmal zu glatt. Betonungen sitzen falsch. Geräusche drängen sich in den Vordergrund, obwohl sie nur am Rand wahrnehmbar sein sollten. Dann kürze ich, verschiebe, montiere neu oder verwerfe die Sequenz.
Diese Arbeit ersetzt weder das Schreiben noch die Inszenierung.
Aber sie macht hörbar, was zuvor nur auf der Seite stand.
In einer Hörspielsequenz entsteht die Bühne im Kopf des Zuhörers. Bei Bildern und Animationen wird sie sichtbar.
Die künstliche Intelligenz ist dabei ein Werkzeug, ein Gegenüber und manchmal ein ziemlich eigenwilliger Mitarbeiter, der mir hilft, aus meinem Kopfkino eine Szene entstehen zu lassen.
