KRIMINALROMAN ???


Wie aus einem Kriminalroman zwei Science-Fiction-Romane wurden

Xanandar Lummos


Alles begann mit einem Kriminalroman. Die Hauptfigur hieß damals Benn, ein junger Mann am Rand der Gesellschaft, Drogenkurier und Bodypacker. Er sollte kein glatter Held sein. Deshalb gab ich ihm eine Vergangenheit, die ihn geprägt hatte.

Als Benn neun Jahre alt war, wollten seine Eltern mit ihm, seiner vierjährigen Schwester Vanessa und dem Baby der Familie zu einem Baggersee fahren. Ein schwerer Autounfall beendete die Fahrt. Seine Mutter konnte Benn und Vanessa noch aus dem Wagen retten, bevor sie gemeinsam mit ihrem Mann und dem Baby im Auto verbrannte.

Benn hielt Vanessa die Ohren zu und wiederholte immer wieder:

»Wir fahren zum Baggersee. Mama hat Selterskuchen gemacht. Das wird ein richtig schöner Tag.«

Danach kamen die Geschwister in ein Waisenheim und wurden voneinander getrennt.

Später geriet Benn in eine Intrige, wurde verfolgt, gefasst und schließlich in das Kühlfach einer Leichenhalle gesperrt. Dort sollte er sterben.

Während ich diese Szene schrieb, wollte ich genauer wissen, was mit einem Menschen geschieht, der langsam erfriert. Wie verändert sich seine Wahrnehmung? Was geschieht mit Schmerz, Zeitgefühl und Bewusstsein? Wird die Kälte irgendwann weniger bedrohlich? Entstehen Verwirrung und Müdigkeit oder sogar das trügerische Gefühl von Wärme?

Mein Kopfkino allein reichte dafür nicht aus. Ich begann zu recherchieren, las medizinische Beschreibungen, Expeditionsberichte und Berichte über Nahtoderfahrungen. Dabei verglich ich Abläufe, suchte nach wiederkehrenden Wahrnehmungen und versuchte, körperliche Vorgänge von späteren Deutungen zu trennen.

Die Szene wollte nicht enden

Ursprünglich sollte Benns Geschichte im Kühlfach enden. Doch mein Kopfkino weigerte sich.

Zunächst schrieb ich eine Szene, in der sich seine Seele vom Körper löste. Benn verließ das Kühlfach, ohne wirklich zu verstehen, was mit ihm geschehen war, und sein Bewusstsein musste erst lernen, mit diesem neuen Zustand umzugehen.

Später verwarf ich diese Fassung wieder, weil sie mir zu viel erklärte. Stärker erschien mir ein harter Schnitt:

Benn stirbt – und erwacht in einer anderen Welt.

Dort wartet Blue auf ihn.

Blue hatte bereits vorher in meiner Geschichte existiert, bekam nun jedoch eine andere Bedeutung. Sie wurde zu einer Schmugglerin zwischen verschiedenen Simulationswelten. Durch sie öffnete sich hinter Benns vertrauter Wirklichkeit etwas Größeres: die Maya.

Was kommt nach dem Tod?

Mit Benns Tod stellte sich nicht mehr nur die Frage, wie seine Geschichte weitergehen könnte. Es ging um etwas Grundsätzlicheres.

Wenn Menschen bei Nahtoderfahrungen von Licht, Übergängen oder anderen Wirklichkeiten berichten – wohin führen diese Erfahrungen dann? Zu Gott? Doch wo sollte ein solcher Übergang hinführen? An einen anderen Ort im Universum, aus ihm hinaus oder in eine Wirklichkeit, für die unsere Vorstellung von Raum gar nicht mehr gilt?

In diesem Zusammenhang bekam Platons Höhlengleichnis für mich eine neue Bedeutung. Menschen sitzen in einer Höhle, sehen Schatten an der Wand und halten sie für die Wirklichkeit, weil sie nichts anderes kennen.

Was, wenn es uns genauso geht? Was, wenn wir unsere Welt nur deshalb für wirklich halten, weil wir nie etwas anderes gesehen haben?

Gleichzeitig beschäftigte ich mich mit der Simulationshypothese. Wissenschaftler und Philosophen hatten die Frage aufgeworfen, ob eine technisch weit entwickelte Zivilisation künstliche Welten erschaffen könnte. Und wenn solche Simulationen möglich wären: Wie sicher könnten wir dann noch sein, dass unsere eigene Welt die ursprüngliche ist?

Diese Gedanken verbanden sich. Was, wenn der Tod nicht zu einem fernen Ort führt, sondern aus einer Wirklichkeit hinaus und in eine andere hinein?

Damit war die Idee geboren: Benn stirbt im Kühlfach und erwacht in der Maya.

Ich musste nur noch herausfinden, was die Maya eigentlich war.

Eine Welt aus vielen Welten

Das wurde schwieriger als gedacht.

Die Maya war keine einzelne neue Welt, sondern bestand aus vielen unterschiedlichen Welten mit eigenen Regeln, Landschaften, Gesellschaften und Gefahren.

Sobald Benn seine bisherige Wirklichkeit verlassen hatte, musste ich klären, wie diese Welten miteinander verbunden waren, wer sie erschaffen hatte und warum Übergänge zwischen ihnen möglich waren. Dafür entstand eine eigene Bibel zur Maya, in der ich Figuren, Orte, Regeln und Übergänge festhielt.

Der Kriminalroman rückte dabei immer weiter in den Hintergrund. Aus einer Intrige wurde eine Reise durch fremde Wirklichkeiten, aus einem Kühlfach der Eingang in ein neues Universum und aus Benns Geschichte nach und nach ein Science-Fiction-Abenteuer.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehrere hundert Seiten entstanden.

Dann kam eine Frau

Je länger ich an der Geschichte arbeitete, desto deutlicher spürte ich, dass Benn nicht mehr die Figur war, durch die ich diese neue Welt erzählen wollte. Mich interessierte eine andere Perspektive.

Eine Frau als Hauptfigur würde nicht nur den Blick auf die Handlung verändern, sondern auch die Gesellschaft, in der sie lebte. Zunächst dachte ich, diese Veränderung sei einfach: Aus Benn würde eine Frau, und die Geschichte könnte im Wesentlichen weitergehen wie bisher.

Das war ein Irrtum.

Sobald ich die neue Figur vor mir sah, veränderte sich alles. Ich sah, wie sie aussah, wie sie aufgewachsen war, wie sie sich bewegte und in welcher Gesellschaft sie lebte.

Dann kam der nächste Gedanke: Was wäre, wenn diese Frau in einer Gesellschaft lebte, die vollständig von Frauen geprägt ist?

Aus dieser Frage entstand Perpetua – eine scheinbar vollkommene Stadt, geordnet, sicher und überwacht. Eine Welt, in der Kontrolle als Fürsorge erscheint und Freiheit zunehmend als Störung.

Die neue Hauptfigur war keine weibliche Variante von Benn mehr. Sie bekam eine eigene Biografie, eine eigene Welt und eigene Konflikte. Aus ihr wurde schließlich Elin.

Zwei Geschichten

Ich hatte den ursprünglichen Roman nicht einfach ersetzt. Aus der Überarbeitung waren zwei eigenständige Geschichten hervorgegangen.

Der Trillwanderer blieb Benns Geschichte und sein Weg in die Maya. Aus Elin, Perpetua und der weiterentwickelten Welt entstand Hinter den Schatten der Wirklichkeit.

Wie ich schreibe

Schon bei meinen Theaterstücken entstanden Szenen nicht zuerst aus einem Plan. Ich sah sie.

Ein Raum tauchte auf, eine Figur betrat ihn. Ich hörte Stimmen, Schritte oder manchmal ein Geräusch hinter der Wand. Ich spürte, ob ein Raum eng oder weit war, ob zwischen zwei Menschen Nähe entstand oder etwas Ungesagtes im Raum blieb.

Dann schrieb ich auf, was ich sah, hörte und empfand.

Beim Roman ist es nicht anders. Mein Kopfkino läuft weiter, auch wenn ich noch nicht weiß, wohin es führt. Manche Figuren bringen ihre Geschichte bereits mit. Andere zeigen mir zunächst nur ein Gesicht, eine Bewegung oder einen Gegenstand, dessen Bedeutung ich erst später verstehe.

Blue trug plötzlich eine metallene Armprothese. Warum, wusste ich noch nicht. Aber ich sah sie und schrieb weiter.

Vielleicht entstehen meine Geschichten genau so: nicht aus einem fertigen Bauplan, sondern aus Bildern, Fragen und Szenen, die sich weigern, an der vorgesehenen Stelle zu enden.